Wochenplan Hedonism II

Sonntag

Kennen lernen ist Teil der Philosophie. Garantiert nicht später als 30 Minuten nach dem Einchecken hat man den ersten Kontakt zu anderen Gästen oder Personal. Nach altem amerikanischen Muster: „Hei, du bist neu hier, nicht wahr? Wann bist du angekommen? Woher kommst du?" Auch Robin, die langbeinige Assistentin der Clubleitung pflegt das Ritual. So wie sie da in dem weißen Plastikstuhl nahe beim von unten beleuchteten Pool sitzt, könnte ihr keiner eine Antwort abschlagen. Ihr langen Beine hat sie in einer eng anliegenden Jeans verpackt. Automatisch stellt sich die Frage, wie sie da jemals ohne fremde wieder rauskommen will - obwohl sie leicht einen hilfreichen Gast finden würde. Verhandlungen über einen Beistandspakt verschiebt sie auf später. „Ich sehe dich nachher in der Disco", sagt sie mit breitem Lächeln und vielsagendem Augenaufschlag.

Wenn sie nicht feiert, arbeitet sie im Club: „Was mir so gefällt, ist, dass hier so viele Menschen unterschiedlichster Nationalitäten herkommen", sagt sie.

Und denen gefällt bestimmt Robin. Worauf sie achtet, sind Ringe an den Fingern, die auf eine feste Verbindung hindeuten könnten. Und da diese Teile beim Sonnenbad ohnehin nur hässliche weiße Streifen hinterlassen, empfiehlt es sich, solche Schmuckstück für die Zeit des Urlaubs grundsätzlich im zimmereigenen Safe zu deponieren. Doch güldene Preziosen sind nicht das einzige Problem bei Robin: Zu viele Nachtschwärmer begeistern sich für die Schöne. Und für ein faires Stechen bleiben nur Stunden. Am nächsten Morgen fliegt Robin für eine Woche Ferien nach Baltimore.

 

Mobilität als Clubprinzip: Jeden Tag ist An- und Abreise, rasches Handeln somit gefragt. Wer heute noch lächelnd am Strand bräunt, kann Morgen schon auf dem Heimweg sein. Der wer beim Zuschlagen zögert, kommt trotzdem zum Zuge, denn es ist immer eine Lieferung auf dem Weg ins Paradies. An die 100 Neuankömmlinge checken täglich ein. Jeden Tag kommt neues Material.

Während Robin sich um ihre Freunde kümmert, findet auf der erhöhten Tanzfläche gegenüber des Durchgangs von Bar zu Disco gerade eine Playboy Late Night statt. Zwei braun gebrannte Frauen, die eine mit langen blonden, die andere mit langen schwarzen Haaren, tanzen in der Verhaftungsgestellung: Die Hände gegen die Mauer, die Beine gespreizt aalen sie sich im Hip Hopp - Takt. Wer länger hinsieht, unterliegt erhöhter Verletzungsgefahr: Die Augen tränen, in der Hose bildet sich eine schlimme Schwellung. Die zwei wissen es. Und genießen es. Das Zuschauen wird zur Therapie gegen das Jet - lag.

Montag

Wer hier herkommt, weiß warum und was er will. Wie Torge, der Chilene. Der große Dunkelhäutige mit den treuen Dackelaugen arbeitet zu Hause in der Werbung. Hier arbeitet er an den Frauen. Und sie an ihm. Es ist Torges zweiter Abend. Während er sich suchend umblickt, krault er seine Brusthaare. Eine junge Amerikanerin gesellt sich zu ihm. „Wie heißt du", fragt sie. Die Antwort interessiert das Blondchen gar nicht. Sanft nimmt sie torges Hand und führt ihn in das Gebüsch hinter den Swimmingpool. Da sich temperaturbedingt die Abendbekleidung im Club meist auf T-Shirt, Badeshort oder Bikini beschränkt, ist der lästige Fummel schnell abgelegt.

Einen ordentlichen Quickie vollziehen die beiden im Nu. Minuten später trottet das junge Glück zurück. „Willst du irgendwas trinken", fragt Torge. Sein zufriedener Gesichtsausdruck signalisiert: „Kein schlechter Anfang." Doch die blonde Frau winkt ab: „Sorry. Aber ich muss wieder zurück aufs Zimmer. Mein Freund wartet." Dann verschwindet sie schnell. Torge zuckt mit den Schultern. Das Eis in Torges Cuba Libre ist noch nicht ganz geschmolzen, als er seinen Platz an der Bar wieder einnimmt.

Bei Torge hat es sich um Anfängerglück gehandelt. "Als ich noch keine Freundin hatte, habe ich mich hier dumm und dämlich gevögelt", bestätigt Andre. Der 28jährige Deutsch-Ire ist Squash-Profi. Er fungiert als Sonnyboy und ist einer der Helden hier. In anderen Clubs sind die Tennislehrer die Götter. Im „Hedonism" sind es die Männer, die dem schnellen, schwarzen Ball hinterher flitzen. Dazu gehören auch drei Deutsche und eine Handvoll Kanadier. Doch es dreht sich nicht nur alles um den Ball. Spaß heißt die oberste Devise.

Die wilden Jahre des sympathischen Athleten, der in der Nähe von Düsseldorf wohnt, sind inzwischen vorbei. Bei einem seiner zahllosen Aufenthalte lernte er im „Hedonism" seine Traumfrau kennen, eine bildhübsche Jamaikanerin. „Die haben hier ein Sprichwort: Once you go black, you never go back. And it’s true. Ich werde meine Freundin heiraten."

In der deutschen Bundesliga kämpft Andre für den Paderborner SC. „Hedonism"-Fan wurde er, als er zum Abschluss eines Turnierjahres bei der Jamaica Open spielte. Vom Freund des Hauses arbeitete Andre sich im Club zu einer Art freiberuflichem Mitarbeiter für Marketing und Presse hoch. Von Deutschland aus organisierte er mehrmals jährlich „Andre’s Jamaican Fun-Triathlon", einen sportlichen Pauschalurlaub auf dem Areal von „Hedonism". Zudem kümmert er sich gerade um die Hedonism Open. Ein Einladungs-Squashturnier der Weltelite mit Preisgeldern von fast 40000 US-Dollar. Doch das wird die Spieler gar nicht so locken; Viel attraktiver ist, dass sie während des Turniers umsonst auf der Anlage wohnen dürfen. Sie können graben, was das Zeug hält, und brauchen keinen Pfennig Geld. Denn „Hedonism II" ist ein All Inklusive Resort. Soll heißen: Jeder, der sich auf dem umzäunten Areal bewegt, braucht kein Cash mehr.

Denn der Zimmerschlüssel erschließt die Tür zu allen Angeboten innerhalb der Anlage. Das kleine Metallteil an dem roten Plastikbändchen signalisiert: Ich habe gezahlt. Und zwar 940 US-Dollar pro Woche für das passende Zimmer in der Nebensaison. 1090 US-Dollar kostet der Raum in der Hauptsaison. Nicht ganz billig, aber die Rate bezahlt mehr als herkömmliche Vollpension.

Drei Mahlzeiten pro Tag und ein Mitternachtssnack sind ebenso abgeholten wie Getränke bis zum Umfallen. Um die Shaker an jeder der vier Bars mixen 19 Stunden täglich, was die Leber begehrt. Trinkgelder sind verboten, Zigaretten stehen unbegrenzt zur Verfügung, selbst Kondome gibt es rezeptfrei auf der Krankenstation.

Damit nicht genug. Ebenso im Zimmerpreis inklusive ist die Benutzung der sechs Tennisplätze, der zwei klimatisierten Squashcourts (inklusive Trainerstunden) und des Fitnessraumes. Abgeleistet mit der Wochenpauschale natürlich ferner die Benutzung von Badminton-, Basketball- und Volleyballplatz, Tischtennisplatte, Fahrrädern, Aerobicstunden und Reitpferden.

Auch wer sich lieber im oder auf dem Karibischen Meer bewegt, kann seinen wasserdichten Geldbeutel zu Hause lassen: Sunfish-Boote, Surfboards, Kajaks, Wasserskier, Tauchen, Schnorchel, Flossen und die Fahrt mit dem Glasboden-Boot sind kostenlos.

Die vielfältigen Spielereien für Körper und Geist sind nicht für Kinder. Unter 16 Jahren darf keiner mitspielen. Der Club bietet Erholung für Erwachsene mit Vier-Sterne-Komfort. Alle 280 Zimmer haben Klimaanlage, Bad und Twin- oder Kingsize-Betten. Letztere dienen weniger dem Schönheits- als dem Beischlaf. Denn weder Fernseher noch Stereoanlage, noch Mini-Bar, noch Telefon lenken den Gast vom Wesentlichen ab, dem Körpereinsatz. Als Ausgleich für die eher spartanische Einrichtung in puncto Unterhaltungselektronik prangt an der Decke über jeder Spiel- und Schlafstatt ein riesiger, viergeteilter Spiegel, ein anderer füllt die Wand gegenüber dem Kopfkissen. Wer also unter Urlaub versteht, vor der Glotze liegend mit Knabberzeug Badeshort und Bett zu bekrümeln, jettet lieber nach Jesolo.

Dienstag

„Beeilt euch Leute! In fünf Minuten legt das Boot für das Insel-Picknick ab!" ruft Nathan allwöchentlich von der hauseigenen Pier zum Strand hinüber. Es ist kurz nach zehn Uhr vormittags. Die Sonne brennt mit gut 80 Grad auf den feinen, weißen Sand und das hellblaue, klare Meer. Nathan wird im Club nur Bodyman genannt. Der Modellathlet gibt in New York Aerobic- und Gymnastikstunden. Seine Ferien verbringt er im Club als Entertainment Koordinator. Seinen Spitznamen hat Adonis’ farbiger Bruder weg, weil sein Körper wie für „Hedonism II" geschaffen ist: kein Gramm Fett, nur Muskeln und Samenstränge.

Rasch füllt sich die Bakasse mit 30 Personen, denen die Strapazen der Nacht noch deutlich anzusehen sind. Viele haben den Schlaf auf ein Minimum reduziert. Statt Augen blicken die meisten durch Sehschlitze wie Schießscharten. Mit „Let’s go" gibt der Bodyman den Befehl zum Ablegen und hüpft ins Boot. „Ya, mon!" sagt er und grinst zwei Italienerinnen freundlich an. „Ya, mon!" klingt so wie „Ja, Maan". Es ist die wichtigste Floskel auf der Insel. „Ya, mon" ist unisex. Es dient zur Begrüßung, zur Verabschiedung, zum Angraben und als Pausenfüller.

Die beiden Italienerinnen heißen Silvia und Raphaela und kommen aus Mailand. Und wer ihnen auf der Straße begegnen würde, bekäme vom Nachglotzen ein Schleudertrauma. Die beiden sind schon ein paar Tage hier, knackig braun und fast nicht mehr zu haben. Silvia, die blonde Studentin, hat sich gleich am ersten Abend Gonzalo, den Freund von Torge geschnappt. Ihre Freundin Raphaela hat lange schwarze Haare, blaue Augen und mehr Verehrer, als ihr lieb ist. In Mailand jobbt sie als Model. Meist ist sie ausgebucht. Beruflich und auch privat hier im Club. Jede freie Minute baggert ein großer Blonder aus Deutschland an sie hin. Sein Name ist Cord.

Die Bezeichnung „Insel-Picknick" ist eine bösartige, kulinarische Irreführung. Es sei denn, auch der unmäßige Verzehr von Flüssignahrung fällt unter diesen Begriff. In Wahrheit ist Kampftrinken angesagt. Austragungsort ist eine kleine, spärlich bewachsene Insel, nicht mal fünf Minuten vom „Hedonism II" entfernt. Nach dem Anlegen schnappt sich jeder der Kampftrinker eine Einliter-Flasche mit kräftigem Rumpunsch. Um die Kühlung der erhitzten Gemüter zu garantieren, platziert der Spielführer seine Opfer kreisförmig im flachen Wasser. Das Trinkspiel beginnt. Der Bodyman lässt auf die Sonne, das Meer und die warme Brise anstoßen. Dann sucht er vier Frauen und vier Männer, die sich Rücken an Rücken in die Mitte des Kreises setzen müssen. Shawn, der zweite Entertainment Koordinator vollzieht eine Art Taufe.

Die Frauen sind zuerst dran. Sie müssen aufstehen, die Zeremonie beginnt. Shawn füllt die Verschlusskappe seiner Flasche mit Rumpunsch. Dann brüllt er, lautstark von den Umsitzenden unterstützt, etwas wie „Jakiii! Jakiii!" und schüttet das Gesöff über die rechts Hälfte des Bikinioberteils der zu taufenden Frau. Mit „Eckee!" Eckee!"-Gebrüll erfährt die linke Brust die gleiche Behandlung. Erneut nimmt er die Flasche, und begleitet von lautem „Pussy! Pussy!" schwappt er einen kräftigen Schwall genau zwischen die Beine des Täuflings. Zu guter Letzt gibt es noch einen kräftigen Schluck des alkoholischen Weihwassers. Hinsetzen. Und schon ist die nächste dran.

Nachdem die Frauen abgefertigt sind, kommen die Männer an die Reihe. Das Ritual ist das gleiche. Allerdings heißt es beim letzten Akt nicht mehr „Pussy! Pussy!", sondern „Let him grow" - Möge er wachsen.

Nach mehreren Toasts, wieder mal auf Sonne, Meer und Wind, beginn im wahrsten Sinne des Wortes ein „Scheißspiel". Alles dreht sich um das Wort „Shit". „Ab sofort seid ihr nicht mehr im Urlaub hier", brüllt der Bodyman militärisch in die Runde. Er ist jetzt der Kapitän eines havarierten Schiffes, Shawn sein Sergeant und die Gäste die Besatzung. Der Spielinhalt: gestrandet auf einer einsamen Insel. Der Bodyman erklärt die Regeln. Doch die sind unwichtig. Entscheidend ist nur, wer Variationen von „Shit" falsch gebraucht. Der Übeltäter wird sofort zum Kapitän zitiert und muss trinken. Die Versager werden von permanenten „Drink! Drink! Drink!"-Rufen ihrer Mannschaftskameraden angefeuert.

Nach mehreren Fehlversuchen setzen sich Gonzalo und Silvia von der Runde ab. Eng umschlungen schwimmen sie durch das klare Nass und beginnen im seichten Wasser der Lagune mit dem Vorspiel. Während sie ihre Libido befriedigen, beginnt der heiße Teil des Spiels. Wer nicht trinken will, kann ein Kleidungsstück beim Kapitän ablegen. Raphaela ist zu langsam mit ihrem „No shit". In der Mitte des Kreises empfängt sie ihre Strafe. Erwartungsvoll grinst der Kapitän. Doch leider will die Italienerin lieber schlucken als strippen.

Zwei Runden später ist es allerdings so weit: Jane aus Ohio nimmt nach einem Fehler ihre Chance war. Blitzschnell greift die kleine Mollige zur Verblüffung aller ins hüfthohe Wasser, reißt sich den Slip vom Hintern und wirft ihn Nathan über die Schultern. Mit Gejohle und Pfiffen honorieren die Mitspieler die mutige Aktion.

„Fünf Minuten noch bis zum Lunch", läutet der Kapitän das Finale ein. Die letzten Sekunden übersteht die rothaarige Robin nicht vollbekleidet. Unbarmherzig zeigt nach einem Versprecher Nathans schmaler, brauner Finger auf sie: „Komm her zu mir". Ihrem 174 Zentimeter langen Körper sind die vielen quälenden Stunden im Fitnesscenter anzusehen. Robin kommt aus Kalifornien und verkauft dort Telefone. Während sie in ihrem Job in eleganten Kostümchen Kontakte knüpft, macht sie hier ihren ersten Länderpunkt: Mit einem raschen Handgriff entknotet sie ihr geblümtes Top und legt es dem Kapitän um die Schultern. Beifallsstürme. Um ihren Mut zu belohnen, nimmt Robin einen tiefen Zug aus der Flasche. Der Flaschenboden zeigt gen Sonne. Die kecken Brüste auch.„Lunch ist fertig", tönt es vom Strand. Eine Stunde und zwei Flaschen Hochprozentiges hat das Spiel gedauert. Nun torkeln alle aus dem flachen Wasser. Hungrig fallen sie über Hamburger her, die in einem aufgeschnittenen Ölfass, dem in Jamaika gebräuchlichen Grill-Ersatz, gebrutzelt wurden.

Im Schatten eines verkrüppelten Bäumchens sitzt Porter. Der alte Jamaikaner mit Ziegenbärtchen und fleckigem T-Shirt ist Geschäftsmann. Seine Ware: Frauen für diejenigen, die zu blöd oder zu faul sind, Weibliches im Club klarzumachen. „Für 80 US-Dollar kann ich dir eine für die ganze Nacht besorgen. Ya mon! Preist er an. Und Porter führt nach eigener Aussage nur beste Qualität: „Alle sind unter zwanzig und schlank. Ya mon!

Am frühen Nachmittag landen die Überlebenden des „Island Picknicks" wieder an der Pier. Zeit zu relaxen. Auf Liegen aufgebahrt brutzeln Bräunungswütige am Strand. Die karibische Brise trägt die Reggae-Rhythmen der fünfzig Schritte entfernten Bar herüber. Auf dem Sandplatz vor dem Schlafkomplex spielen eine Handvoll Sportler Volleyball. Cord, der schlaksige Norddeutsche, und Finn, ein 21jähriger Hamburger, nutzen die pralle Hitze, um die Übeltaten der vergangenen Nacht auszuschwitzen. Gegen zwei Kanadier spielen sie ein hochklassiges Tennis-Doppel auf dem glühenden, rot-grünen Tartan-Boden.

In der Disco ist heute „Pyjama Time". Kleidung: so spärlich wie möglich. Eine Boxershort wirkt in dem Gewühl nackter und halbnackter Menschen wie ein Wintermantel. Gefragt sind Lederslips, Spitzenteilchen, Strapse oder Strings. Viele haben wieder mal nur Wasser und CD mit in den Schuppen genommen.

Paula hat ein Gesicht wie ein Engel und die passenden Haare. Beim Karaoke in „Veronikas Bar" hatte sie kurz zuvor Like A Virgin von Madonna gesungen. Ihre Mutter glaubt ihr vielleicht und denkt: „Mein Kind tut so was nicht." Paula tut es. Sie ist für drei Tage aus Miami gekommen und will Spaß. Viel Spaß. Ihr formvollendeten Beine stecken in halterlosen Netzstrümpfen. Ihren Klasse-Po tarnt sie mit einem durchsichtigen Slip. Die Ohren stecken in einem Spitzen-BH. Und sie tanzt wie der Teufel. Wenn Kim Basinger in dem Film 9 ½ Wochen messerscharf war, dann ist Paula wie ein Skalpell.

Paula macht sich warm. Und die Menge heiß. Ihre Show ist ein Tanz auf dem Vulkan. Doch wer ihr zu sehr auf die blanke Haut rückt, bekommt die kalte Schulter. Sie neckt heute nur. In einer dunklen Ecke wartet ihr Freund. Nach einer Stunde schreitet sie auf ihren Pumps zu ihm. Die Knutscherei beginnt.

Ihnen gegenüber stehen drei jamaikanische Schönheiten. Die Proportionen stimmen. Das Augenzwinkern und das Lächeln auch. In letzter Sekunde kommt eine Warnung aus dem Hintergrund: „Das sind wahrscheinlich Professionelle", sagt Michelle, die über den Sommer im Club jobbt. Na und? Wahrscheinlich die besten seit Julia Roberts in Pretty Woman.

Mittwoch

Mittwoch ist Reggae-Tag. Um 15 Uhr beginnt für alle Unkundigen am Strand Unterricht in Sachen Volkstanz. Schon wegen der Lehrerin machen viele mit. Nicki ist 1,65 Meter geballte energy. Die Haare auf ihrem runden, schwarzen Schädel sind nur millimeterlang. Darunter liegt ein fröhliches Gesicht mit fast obszönen Lippen. Zwischen den weißen Zähnen klaffen winzige Lücken. Der Twen hat zwar kaum Busen. Dafür ist der pfirsichförmige Hintern unter der schmalen Taille eine Augenweide.

Animation ist hier nicht tumbe Anmache, nicht Zwang zum Mitmachen. Easy gehört in Jamaika ebenso zum Standardwortschatz wie das obligatorische „Ya, mon" am Ende jedes dritten Satzes. Easy heißt im „Hedonism", dass jeder tun und lassen kann, was er will. „Das hier ist freedom holiday. Vergiss einfach alles von zu Hause. Hab eine tolle Zeit", so Alex Thomson, die PR-Managerin des Clubs. Tennisspielen oder Bräunen, Toga-Party oder Baden, Trinken oder Bumsen. Dieses easy zieht auch viele Promis an. Die Fußballprofis Raimund Aumann und Stefan Reuter haben hier ebenso entspannt wie Mega-Star Lionel Richie. Auch Zigi Marley, Bon Jovi und Brad Pitt bekennen sich zu den Hedonisten.

Um den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten, arbeiten Tag und Nacht 400 Angestellte für die maximal 560 Gäste. Ständig wird der Strand geharkt, irgendwo ein Rasen gemäht, Laub zusammengerecht, der Swimmingpool gesaugt oder gleich das Wasser ausgetauscht. Die allmorgendliche Zimmerreinigung ist ebenso selbstverständlich wie die tägliche Ausgabe frischer Badehandtücher. „Service ist alles. Service ist der Schlüssel". weiß Alex Thomson. „Der Gast steht an erster Stelle. Und er hat niemals Unrecht."

Es ist schon dunkel, als die Live-Band in die Saiten haut. Fackeln erhellen die Szenerie am Strand. Wer nicht tanzt, lümmelt im Mondlicht auf den weißen Liegestühlen. Viele rauchen. Süßlicher Duft überall. Jamaican medecine nennen die Einheimischen das billige ganja, das auf der ganzen Insel auf Plantagen angebaut wird. Auf einer Pritsche sitzen auch Finn und der dritte Deutsche. Er heißt Torsten und sieht aus wie Michael Stich mit blonden langen Haaren. Während der glimmende Stängel die Runde macht, warten die beiden auf ihre karibische Heilung.

Ab Mitternacht tanzen in der Disco die Bären. Thomas aus Texas hat seine neuen Reggae-Schritte bis zum Ende des Konzerts vorgeführt. Lässig an der Bar lehnend, redet der Ami auf Robin, bekannt durch ihren Insel-Picknick-Strip, ein. „Los, lass uns ein Trinkspiel spielen", bettelt Thomas. Robin nickt zustimmend. Sie ahnt noch nicht, wie das enden wird.

Donnerstag

Thomas ist fertig. Sein zerzaustes schwarzes Haar steht in alle Himmelsrichtungen. Letzte Nacht war ein Kampf. Wie viele shots, also Kurze, er getrunken hat, weiß er nicht mehr. Irgendwann hat er sich dann mit zu Robin geschleppt, um auf sie zu robben. Die ganze Nacht lang. Die übernächtigten Augen versuchen, ein Grinsen zustande zu bringen: „Wenn du Musik haben willst, mußt du auch den Geigenspieler bezahlen." Mit leicht zittrigen Händen lädt er sich eine große Portion Rühreier, Bacon und Geschnetzeltes vom Frühstücksbuffet auf den Teller. „Bis zur Toga-Party am Abend bin ich wieder fit", beteuert der texanische Hedonist.

19 Uhr. Torge lehnt an der Bar und giert auf die langhaarige Dunkelblonde am gegenüberliegenden Tresen. Ihr weißes, hautenges Stretchkleid hätte sie ebenso gut auf den jugendlichen Körper aufmalen können. Während sie auf ihren Cocktail wartet, fallen Torge fast die Augen aus dem Kopf und ihr die prallen Brüste aus dem Kleid.

Sein Quickie vom zweiten Abend interessiert ihn jetzt nicht mehr. Torge erinnert sich weder an Namen noch Gesicht. „Der Körper war okay", meint er lapidar. Er hat nur noch eine Nacht bis zur Abreise. Und er ist nur noch geil auf die Dunkelblonde von gegenüber. Sie heißt Maria und stammt aus London. So viel hat der große Chilene schon herausgefunden. Jetzt will er mit ihr ins Bett. Oder an den Strand. Oder in die Büsche. „Dazu sind wir doch alle hier", meint er augenzwinkernd. Er stößt sich von der Bar ab und begibt sich auf die Jagd.

Die Toga-Party ist der Höhepunkt der Woche. Wer nicht weiß, wie das römische Tuch zu binden ist, kann sich am Nachmittag schulen lassen. Doch eigentlich ist das unnötig. Hauptsache, der Fetzen verdeckt irgendwie die wichtigsten Körperteile. Oder auch nicht. Ganz nach Belieben. Wer für solche Veranstaltungen zu prüde ist, muss hungrig und wahrscheinlich alleine ins Bett gehen: Auf der Schiefertafel, auf der täglich die Veranstaltungen angekündigt werden, steht in großen weißen Buchstaben: „No togo - no dinner."

Nach besagtem Dinner beginnt die Show. Gegen 22 Uhr bittet Conferencier Courtney alle willigen Kostümierten auf die Tanzfläche. Das sind fast alle Anwesenden, und so füllt sich der Platz mit über 200 spärlich bekleideten Hedonisten. Der Tanz beginnt: In einer Polonaise, die Hände immer auf den Schultern, den Hüften oder dem Hintern des Vortänzers, zieht die Meute, begleitet von Discorhythmen und von den Umstehenden klatschend angefeuert, durchs Lokal.

Währenddessen beginnt Nicki ihren Kontrollgang bei Teilnehmern und Zuschauern. Unbarmherzig schieben ihre braunen Hände jede weiße Toga bis zur Hüfte hoch: Unterwäschen-Check. Schließlich soll der Genitalbereich heute mal gelüftet - und geliftet - werden. Die ersten beiden Testanten sind korrekt gekleidet. Unter dem gerafften Gewand baumeln Nicki nackte Tatsachen entgegen. Beim dritten deckt sie einen versuchten Betrug auf. Mit einem schelmischen Grinsen nimmt sie die Korrektur selber in die Hand. Ruck zuck hängt die Boxershort des feigen, schwarzhaarigen Deutschen über den Knöcheln.

Die Menschenschlange ist inzwischen wieder vor der Bühne angekommen. Auf engstem Raum ist viel nackte Haut zusammengepfercht. Körper zucken im Takt der Musik. Kontakt ist unvermeidbar. Courtney kündigt den krönenden Abschluss an: die Preisverleihung. Nathan und Nicki schieben sich durch die Massen auf der Suche nach der jeweiligen Nummer eins. Für die Prämierung der römischsten, der schönsten und der größten Toga interessiert sich das Publikum nur verhalten. Aber als sich Jill aus Maryland auf die Bühne begibt, um ihre Flasche Appleton-Rum für die knappste Toga entgegenzunehmen, braust Beifall auf. Sie hat ihre Stoffbahn zusammengefaltet um den Hals gelegt, die beiden Enden zwischen den Beinen durchgeführt und die Zipfel vor dem Bauch zusammengeknotet. Busen und Hintern bleiben blank. Triumphierend streckt sie der johlenden Menge Preis und Brüste entgegen.

Das letzte Toga-Spiel bildet einen weiteren Höhepunkt: Acht in knappes Weiß gehüllte Gestalten beiderlei Geschlechts stehen auf der Bühne. „Gewinner ist, wer in 30 Sekunden seine Toga aus- und wieder anziehen kann", erklärt Courtney. Startschuss. Die Blonde rechts außen schlüpft am schnellsten aus dem Kostüm und präsentiert den nackten braunen Körper. Dann folgt ein fetter Mann und eine große Rothaarige. Anfeuerungsrufe und Beifall aus dem Auditorium. Hektisch beginnen alle ihre Toga wieder in Form zu bringen. Der Fette gewinnt, den meisten Applaus bekommt die Blonde. Sie versucht gar nicht erst, ihr Blöße wieder zu verhüllen, sondern drapiert die Toga dekorativ über den linken Arm und verharrt nackt im Rampenlicht.

Der offizielle Teil der römischen Gala ist beendet. Mitternacht, die richtige Zeit für die Disco. Oder einen Joint. Ja- vier, Torge und Gonzalo, die drei Chilenen, schnappen sich Raphaela und Silvia, die beiden Italienerinnen, und gehen aufs Zimmer. Torge ist notgeil. Er küsst Raphaelas nackten Rücken, wandert schmatzend mit dem Mund abwärts. Plötzlich schnalzt es zweimal. Im Spiegel über dem Bett beobachtet die anderen, wie Torge versucht, mit den Zähnen den Slip der dunkelhaarigen Italienerin zu entfernen. Raphaela verhindert es mit einem spielerischen Klaps.

Gonzalo knutscht mit Silvia, und Torge spielt den Achtarmigen. Obwohl er weiß, dass die Italienerin auf den großen Deutschen Cord steht, grabbelt er, was das Zeug hält. Wer weiß, im „Hedonism II" ist alles möglich. Doch das Mailänder Model zieht nicht richtig.

Die Disco ist wieder mal gut gefüllt, einige tragen Toga. Einige Unterwäsche. Einige tragen ihre bloße Haut zu Markte. Nicki will es heute wissen. Ihre knappe Toga hat sie gegen große, silberne Creolen, Lippenstift und ein ultraknappes, trägerloses „kleines Schwarzes" getauscht. So knapp, daß kein Slip mehr Platz hat. „Come on, dance", fordert sie den schwarzhaarigen Deutschen auf, dem sie vorher selbst die Boxershort unter der Toga ausgezogen hat. Auf der Tanzfläche beginnt sie ihre ganz persönliche Vorführung. Die eine Hand um den Nacken des Gegenübers geschlungen, biegt sie ihren Oberkörper nach hinten und kreist Hüfte an Hüfte in dirty dancing-Manier.

Dann dreht sie sich um, beugt sich nach vorne und beginnt auf- und abtreibend, die Hände auf die Knie gestützt, mit ihrem Hintern den Typen in Hochform zu bringen. Erfolglos, der Rumpunsch hat bei dem vermeintlichen Opfer eine gehörige Lähmung des Unterleibes verursacht.

Nicki schnappt sich einen blonden Ersatzmann. Dasselbe Spiel, dasselbe magere Ergebnis. Die nächsten fünf Minuten lüftet sie noch jeden greifbaren Rock. Doch alle kleinen Freunde scheinen um 2.30 Uhr schon müde. Nicki verlässt die Stätte der Schlappschwänze alleine.

Doch die Party geht weiter. Im Barraum übt Janet, eine Kollegin von Nicki, mit einem Pärchen aus New York Blow jobs. Die beiden Amis haben sich der lästigen Togas bereits entledigt und stehen splitternackt rum. Blow job klingt schmutziger, als es ist. Ein kleines Glas mit spermafarbiger, alkoholischer Flüssigkeit steht auf dem Tresen. Janet beugt sich vornüber, öffnet ihren Mund zur Hälfte und schürzt die rosigen Lippen. Ihr Mund schließt sich um das willige Gefäß. Mit zwei, drei flüggigen Stößen fährt sie den gläsernen Schaft entlang. Dann stellt sie sich gerade hin, legt den Kopf in den Nacken und schluckt den Saft in einem Zug.

„Das glaub ich einfach nicht", stöhnt Finn, der 21jährige Hamburger. Er dreht sich um 90 Grad und blickt Hilfe suchend nach einem Barmann, der ihm hochprozentige Erste Hilfe leistet. Doch auch hier findet er keine Rettung. Hinter dem Flaschenregal sind Fenster eingelassen, die auch nachts noch einen Unterwasserblick in den beleuchteten Pool freigeben. Zwei nackte Frauenkörper schieben sich vor die Scheiben. Brüste und Schamhaare schwingen sanft im Wasser. Die Köpfe bleiben unsichtbar über dem Rahmen. Als die Körper sich in der richtigen Position wähnen, spreizen sie die Beine und vollführen eine Rolle rückwärts. „Das glaube ich einfach nicht", stöhnt Finn wieder fassungslos.

Janet hat ihre Performance noch lange nicht beendet. Der gleiche Trick. Nur diesmal steht der Blow job auf dem Fußboden. Sie hockt sich in den Liegestütz. Oral versiegelt sie das Glas. Während sie keine Rolle vorwärts macht, schluckt sie die schaumige Flüssigkeit. Als sie auf den Füßen landet, streckt sie grinsend das Glas in die Höhe. Leer. Die nackte Amerikanerin klatscht so freudig erregt Beifall, dass ihre Titten auf und ab wippen.

Freitag

In den frühen Morgenstunden verlässt Finn die Disco Richtung Strand. Am Surfbrett-Verleih stolpert er fast über ein Pärchen, das engagiert auf einer Schaumstoffmatte kopuliert. Mit einem breiten Grinsen und „Oh, sorry" lallend schreitet er weiter zu den Wohnanlagen.

Gegen sechs Uhr morgens trudelt der abgekämpfte Hamburger vor seinem Zimmer ein. Er hat nur noch eines im Sinn: Schlaf. Als er die Tür zu 1127 aufschwingt, ertappt er auf dem Bett seinen Freund Cord und Raphaela beim europäischen Grenzverkehr. Tür wieder zu. Finn trottet von dannen. Einige Schritte weiter klopft er seinen Freund Jonathan, einen Kanadier, aus dem Schlummer. Der ist allein. Endlich Ruhe.

Warum so wenige Europäer den Club kennen, ist Andre, dem Deutsch-Iren, ein Rätsel. Denn die Recken vom kalten Kontinent genießen im Land von Reggae, Sonne und ganja den besten Ruf bei den Frauen. Andre zeigt ein Foto: Darauf hat er im linken Arm ein barbusiges Model aus Florida, im rechten das halbnackte Seite-drei-Girl irgendeiner Boulevardzeitung und in der Mitte einen Ständer. „Die meisten können gar nicht begreifen, was für ein Club „Hedonism" ist. Sein Lächeln verklärt sich: „Als Europäer wirst du hier wie ein Gott behandelt."

Samstag

Schluss. Aus. Ende. Vorbei. Sechs Tage Ekstase total. 20 Stunden Schlaf in einer Woche. Das Leben hier ist wie eine Droge. Der Körper zehrt sich auf - und schreit nach mehr. Noch eine Woche. Oder zwei. Oder drei. Doch Frühaufstehen ist angesagt. Der Bus zum Flughafen fährt um acht Uhr. Gegen Mittag wird das Flugzeug Montego Bay verlassen. Ein letzter Blick durch das Fenster zum Strand. Gleißendes Morgenlicht fällt ins Zimmer. In Deutschland soll es regnen. Sag der Sonne auf Wiedersehen. Allerdings wird plötzlich eines sonnenklar. Die Vertreibung aus dem Paradies hat wohl stattgefunden. Aber dieses Paradies auf Erden ist für jeden willigen Sünder nur eine knappe Tagesreise entfernt.